Transnationale Wissensmittler. Die Migration tschechoslowakischer Journalisten und ihre Tätigkeit für Radio Free Europe in München (1950-1970)

Der US-amerikanische Radiosender Radio Free Europe nahm im Jahr 1950 in München mit dem tschechoslowakischen Dienst seinen Betrieb auf. Die Mitarbeiter der tschechoslowakischen Redaktion, die im Mittelpunkt der Untersuchung stehen, rekrutierten sich vor allem aus den Reihen der Emigranten, die nach der kommunistischen Machtübernahme in der Tschechoslowakei 1948 geflohen waren und das Regime in ihrem Heimatland mittels des Rundfunks bekämpfen wollten.

In ihren Sendungen in tschechischer und slowakischer Sprache, deren Empfang in der Tschechoslowakei offiziell verboten war, stellten sie in erster Linie eine alternative Berichterstattung über die politische und gesellschaftliche Lage in der Tschechoslowakei bereit. Insofern handelt es sich bei dieser Migrantengruppe um entscheidende Informations- und Wissensmittler des Kalten Krieges bzw. über Sprach- und Nationsgrenzen hinweg.

 

Mit ihren Informationen beeinflussten die Journalisten jedoch nicht nur die Nachrichtenlage in der Tschechoslowakei. Sie wirkten auch – so eine zentrale These des Projekts – in die deutsche Gesellschaft hinein, in der sie lebten und arbeiteten. Diese als Multiplikatoren hochwirksame Gruppe professioneller Medienakteure soll im Hinblick auf ihr transnationales Handeln und die Relevanz ihres Wirkens für die Aufnahmegesellschaft (sowie im „Westen“ überhaupt) erforscht werden.

 

In diesem Sinne fragt das Projekt nach den Beziehungen zwischen der tschechoslowakischen Redaktion von RFE und der deutschen Gesellschaft (v.a. Medien, Wissenschaft, Politik und staatliche Stellen). Inwiefern lässt sich etwa von einer Integration der RFE-Journalisten in die deutsche Medienlandschaft sprechen? Welches Bild von ihrem Heimatland vermittelten die Journalisten in Deutschland? Und umgekehrt: Wie wurden die bayerische Landeshauptstadt (u.a. als Symbol des dort 1938 unterzeichneten Münchener Abkommens) und Deutschland in ihrer Berichterstattung in die Tschechoslowakei dargestellt? Wie wurde das Wissen der RFE-Journalisten in Deutschland nachgefragt und genutzt?

 

Bei der Untersuchung werden verschiedene Wissenskategorien in den Blick genommen (Fachwissen, berufliche Qualifikationen, landeskundliches Wissen, Denkschemata, Wertesysteme, Konfliktlösungstraditionen etc.), für die die Wechselwirkungen zwischen deutscher Aufnahmegesellschaft, dem amerikanischen Arbeitsumfeld und der Tschechoslowakei als Herkunftsland der Migranten und als Zielgesellschaft der Radiosendungen herausgearbeitet werden sollen. Dabei fungieren die tschechoslowakischen RFE-Journalisten sowohl als Wissensträger, Wissensmittler, als auch Wissensadressaten.

 

Das Projekt thematisiert Radio Free Europe in diesem transnationalen Kontext und leistet damit einen Beitrag zu einer europäischen Migrations-geschichte als auch Mediengeschichte.

 

Projektpartner:
Abteilung Forschung im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF)







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Status:
laufend


Projektleitung:
Dr. Robert Luft
Prof. Dr. Martin Schulze Wessel


Wissenschaftler:
M.A. Anna Bischof

Gründungsdatum:
09.2009

Ende:
01.2013