2.III.3 Heutiges Konfliktpotenzial der sowjetischen Sprachpolitik (Fallstudie Lettland)

Arbeitsfeld:
2.III Zivilgesellschaft als Integrationsfaktor



Das Projekt widmet sich der Eruierung von Sprachkonflikten, die sich aus einer restriktiven Sprachenpolitik gegenüber Minderheitensprachen ergeben. Als ein für Osteuropa, aber auch Europa insgesamt wichtiges Beispiel wird die (ehemalige) Sowjetunion gewählt. In einem ersten Schritt werden vorbereitend die Einzelsprachen innerhalb der ehemaligen Sowjetunion und ihre Sprachgemeinschaften auf potenzielle und aktuelle Kon-fliktherde überprüft. Ziel ist eine vorläufige Übersicht, in welchen Sprachgemeinschaf-ten sich aufgrund der sowjetischen Sprachenpolitik seit 1945 Konflikte primär sprachlich-kommunikativer Natur feststellen und inwiefern sie sich bestimmten Typen zuordnen lassen. Kriterien einer solchen Typologie können unter anderem sein: Konfliktarten (z.B. Verlust der eigenen Sprachidentität, fehlende Sprachloyalität zur Muttersprache und Sprachverdrängung zugunsten des Russischen oder eigene restriktive Minderheitenpolitik nach erreichter Unabhängigkeit); spezifische Unterschiede zwischen slavischen vs. nicht-slavischen Sprachen; Abhängigkeiten der heutigen (kon-flikthaften/konfliktträchtigen) Sprachsituation von der Größe der Sprachgemeinschaft, vom kulturellen Umfeld etc. Zweiter Schritt wird eine exemplarische Analyse sein. Am Fallbeispiel Lettland sollen Sprachenpolitik, Sprachkultivierungsmaßnahmen, Spracheinstellungen (gegenüber dem Russischen und anderen Minderheitensprachen in Lettland) und nach Möglichkeit die konkreten Arbeitsbedingungen in einer Sprachinstitution vor dem Hintergrund der Dominanz des Russischen und den Auswirkungen sowjetischer Sprachenpolitik untersucht werden. Lettland wurde aus folgenden Gründen ausgewählt: 1. Lettland ist seit Mai 2004 zusammen mit Estland und Litauen (als einzige Staaten der ehemaligen Sowjetunion) Mitglied der EU. 2. Lettland steht für einen Staat, der wie Estland und Litauen Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre die vollständige Unabhängigkeit erlangt hat und seitdem eine völlig selbständige und unabhängige Sprachenpolitik betreiben kann (anders als die Republiken, die in der Russischen Föderation verblieben sind). In allen drei baltischen Sprach- und Kulturgemeinschaften sind schon seit der Perestroika sehr deutliche Abgrenzungsaktivitäten gegenüber dem Russischen zu verzeichnen, so dass Lettland als ein Muster zumindest für alle drei baltischen Staaten angesehen werden kann. Lettisch ist seit 1990 wieder Staatssprache, hat jedoch durch die restriktive sowjetische Sprachenpolitik in Bezug auf ihren funktionalen Status und Ausbau sehr gelitten. 1999 wurde ein lettisches Sprachgesetz verabschiedet, das zwar das Recht auf die Verwendung der Muttersprache auch für Minderheiten festschreibt, aber dennoch auf deren Integration in die lettische Gesellschaft zielt und daher unter anderem die Einforderung und Abprüfung von Lettischkenntnissen bei den sog. Nicht-Bürgern (nepilsoņi) und Fremdstämmigen (cittautieši) vorsieht. Lettland hat damit - geprägt durch die sowjetische (Sprach-)Politik - zu einer spezifischen Art im Umgang mit der eigenen und den Minderheitensprachen gefunden, die in der Forschung auch bereits diskutiert wird. Damit stellt Lettland, das mit nur 54% ethnischer Letten ein multikulturell geprägtes Land ist, unter dem Aspekt der Konfliktforschung einen sprachpolitisch interessanten und möglicherweise gut auf andere Länder, die in wieder erworbener Unabhängigkeit Transformationsprozesse durchlaufen, übertragbaren Fall dar. Eine Typologisierung von Sprachkonflikten dient der historischen Analyse von Sprachenpolitik und ihren möglichen Auswirkungen in mehrsprachigen Staaten. Sie dient damit sowohl dem Verständnis von inter- und transkulturellen Auseinandersetzungen in der Vergangenheit als auch als Grundlage für eine europäische Sprachenpolitik mit dem Ziel eines friedlichen Zusammenlebens bei gegenseitiger Respektierung kultureller und nationaler Identität. Die EU selbst hat bisher zwar einige Richtlinien zu Minderheiten- und Regionalsprachen in Europa erlassen, sich konkreter Regelungen und Verpflichtungen bisher jedoch enthalten. Durch die Behandlung eines Fallbeispiels wird unmittelbar auf die Bedingungen von Wirtschaft und Politik in der Zusammenarbeit mit Osteuropa Bezug genommen. Der exemplarische Charakter soll vor dem Hintergrund der allgemeinen Konflikttypologie Übertragbarkeit gewährleisten und wichtige Grundlageninformationen für die Arbeitsbedingungen in der internationalen Kooperation mit Osteuropa, insbesondere mit Staaten der ehemaligen Sowjetunion, bereit stellen. Indem die Folgen einer ethnienübergreifenden Sprachenpolitik mit dem Ziel einer gemeinsamen sozialistischen (und damit russischsprachigen) Identität (so das Ziel der sowjetischen Sprachenpolitik nach 1945) untersucht werden, kann das Projekt wichtige Aufschlüsse über die Wichtigkeit der Akzeptanz und Förderung kultureller Vielfalt innerhalb von Staatengemeinschaften und damit einer noch zu profilierenden Sprachenpolitik der EU geben. Am Beispiel Sprachkonflikt soll deutlich werden, welche Bedeutung und symbolische Funktion eine Sprache für die ethnische und/oder nationale Identität haben kann. Für den Bereich der Kulturförderung (Spenden, Stiftungen, Investitionen u.Ä.) oder für interkulturelle "Gesten" (z.B. Begrüßung in der Landessprache), aber auch für den Smalltalk nach der Verhandlung oder auf der Messe sind solche Kenntnisse wichtig, um "Fettnäpfchen" zu vermeiden und nicht nur guten Willens, sondern auch um echtes kulturelles Verständnis bemüht zu erscheinen. Geplant ist eine kleine Broschüre für Wirtschaft und Politik mit Hinweisen zu Bedingungen und Folgen von Sprachkonflikten bzw. Sprachenpolitik.







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Status:
laufend


Projektleitung:
Prof. Dr. Albrecht Greule


Wissenschaftler:
M.A. Diane Mehlich

Gründungsdatum:
03.2001

Ende:
05.2008